Das Hexenhaus

Diese Kurzgeschichte entstand im Zuge eines Schreibwettbewerbs des Wochenspiegels. Der Anfang war vorgegeben, deshalb werde ich ihn anders einfärben als den Rest. Viel Spaß beim Lesen :)

Jonas und Vanessa schlichen zitternd in den verwilderten Vorgarten des uralten Hauses. Heute Morgen erst hatten sie die Meldung gelesen. Im Wochenspiegel hatte gestanden, dass dieses Haus endlich zum Verkauf stehe, weil die bisherige Besitzerin in ein Pflegeheim gezogen sei. „In ein Pflegeheim!“, zischte Vanessa ironisch. „Wahrscheinlich ist sie auf den Blocksberg geflogen!“ Jonas nickte. Etwas Ähnliches hatte er sich auch schon gedacht.
Was hatte er schon alles über dieses Haus gehört! Verflucht soll es sein. Und spuken sollte es darin auch. Gut- das wussten Jonas und Vanessa nicht aus dem Wochenspiegel. Das hatten Klassenkameraden ihnen gesagt. Vanessa hatte ihre Hand bereits auf dem Türgriff und Jonas schlug das Herz bis zum Hals.
„Bist du sicher, dass wir..“, versuchte er noch zu sagen, doch seine ältere Schwester war bereits ins Haus gehuscht.
Jonas atmete tief ein, kratzte all seinen Mut zusammen und folgte Vanessa schließlich. Doch am liebsten wäre er sofort wieder umgekehrt, denn im Schein von Vanessas Taschenlampe
erschienen tausende fette, schwarze Spinnen die, vor dem Licht fliehend, in alle Richtungen rannten. Auch Vanessa stieß einen spitzen Schrei aus, ging aber trotzdem ein paar Schritte weiter in das Haus hinein. Jonas folgte ihr mit weichen Knien. Im schwachen Schein der Taschenlampe erkannten die Geschwister, dass das Haus von innen viel größer schien als von außen. Sie standen in einer großen dunklen Halle, in der links und rechts mit Teppich belegte Treppen nach oben führten. Entschlossen ging Vanessa auf die linke der beiden Treppen zu und stieg die ersten drei Stufen hinauf. Dann drehte sie sich um. „Jonas jetzt komm! Sei nicht so ein Feigling.“
Plötzlich erklang ein lautes Knirschen, gefolgt von Vanessas lautem Schrei. Die Treppe war unter ihr zusammengebrochen! Panisch rannte Jonas auf das Loch zu, in dem seine Schwester verschwunden war. Das Loch war umgeben von dem gesplitterten Holz der Treppe und schien bodenlos. „Vanessa? Geht’s dir gut?“ „Jonas hilf mir!“, erklang Vanessas Stimme panisch von unten. „Hier ist etwas das“, die Stimme des Mädchens verklang schlagartig, als hätte ihr jemand oder etwas die Hand auf den Mund gepresst. „VANESSA!“ verzweifelt schaute Jonas sich um. Ein Seil, er brauchte ein Seil und zwar schnell. Ein Bild schoss durch seinen Kopf. Im Garten des Hauses stand ein Schuppen. Vielleicht hatte er ja Glück. Er stürmte aus dem Haus. Die Tür des Schuppens war nicht abgesperrt. In ihm reihten sich Gartengeräte aneinander. Doch es war kein Seil zu sehen. Gerade als er den
Schuppen wieder verlassen wollte, entdeckte er einen Gartenschlauch. Jonas nahm in sich und hetzte zurück ins Haus.
Dort suchte er einen Ort wo er den Schlauch festbinden konnte. Letztendlich entschied er sich für das Treppengeländer. Mühsam verknotete er den dicken Schlauch, zog einmal daran um seinen Halt zu prüfen und begann, sich in das Loch abzuseilen. Kurz vorm Boden hörte er ein vernehmliches Knacken. Das Treppengeländer gab seinen Geist auf und brach.
Jonas fiel etwa ein Meter tief, doch verletzte er sich nicht. Neben ihm lag Vanessas Taschenlampe. In deren Lichtschein erkannte er Schleifspuren von etwas großem. Scheinbar hatte das Ding, das Vanessa entführt hatte, sie hier weggeschleift. Jonas streckte die Hand nach der Taschenlampe aus und folgte den Schleifspuren. Links und rechts von ihm erstreckten sich kalte, grob gemauerte Steinwände. Er konnte sich unmöglich noch in dem Haus befinden! Nach etwa hundert Metern hörte er ein leises Weinen. Es klang wie Vanessa. Vorsichtig, ganz vorsichtig schlich er in Richtung des Weinens. Direkt vor ihm machte der Gang einen Knick nach rechts, dahinter erkannte er einen orangenen Lichtschimmer, wie von mehreren Kerzen. Misstrauisch lugte er um die Ecke und bekam einen riesigen Schreck. Dort war ein kleiner Raum, in dem am Rand verteilt viele kleine Kerzen standen. In der hintersten Ecke kauerte die schluchzende Vanessa. In der Mitte allerdings saß, Vanessa nicht aus den Augen lassen, eine kleine Gestalt. Sie war vielleicht halb so groß wie Jonas, aber da sie anscheinend Vanessa hierher gezogen hatte, musste sie stärker sein als es den Anschien hatte. Jonas fühlte sich an die Beschreibung von Kobolden erinnert, als er das Wesen näher betrachtete. Es trug alte Kinderkleidung und hatte eine braune, lederartige Haut.
In dem Moment drehte der Kobold sich um und der Junge sah in ein sehr menschliches Gesicht. „Komm nur rein. Ich tu dir nichts. Das Mädchen hat das noch nicht verstanden.“ Die Stimme des Kobolds klang rau, als ob er sie lange nichtmehr gebraucht hätte. Zögernd trat Jonas näher. Der Kobold wich zur Seite und machte so Jonas Platz, damit er zu seiner Schwester gehen konnte. Diese hörte endlich auf zu weinen und sah ihn an. „Vanessa, ist gut. Ich glaube er will uns nichts tun.“, flüsterte er ihr zu. „Mein Name ist Mage. Ich bin der Hauskobold. Keine Sorge, ich werde euch nichts tun. Die alte Frau, die hier lebte, hat mich immer mit Essen versorgt. Aber sie ist seit längerem verschwunden. Wisst ihr wo sie ist?“
Mage, der Kobold, sah Jonas und Vanessa fragend an. Vanessa schien sich wieder gefangen zu haben und anscheinend war ihr das Heulen vorhin peinlich. „Ja wir wissen wo sie hin ist. Sie ist in ein Pflegeheim gezogen.“ Mage sah bekümmert aus. „Heißt das hier ziehen bald neue Leute ein?“ Die Geschwister nickten synchron. Verzweifelt blickte Mage von einem zum anderen. „Aber was soll ich dann machen? Nicht jeder möchte einen Hauskobold. Und was soll ich dann essen? Ich werde verhungern!“ Vanessa stupste Jonas und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser nickte und sah zu Mage. „Was macht ein Hauskobold denn so? Und was isst du?“ „Ein Hauskobold hat die Aufgabe dafür zu sorgen, dass den Bewohnern des Hauses nichts passiert. Dafür bekommt er dann eine Schale Milch am Tag.“, gab der Kobold breitwillig Auskunft. „Wenn du magst“, schlug Vanessa vor, „könntest du bei uns wohnen. Wir haben einen großen Dachboden auf den eigentlich nie jemand geht. Und Milch haben wir immer im Haus.“ Mages Augen wurden groß. „Ein Dachboden?“, flüsterte er. „Dachböden sind das tollste überhaupt. Jeder Hauskobold wünscht sich einen eigenen Dachboden! Wann kann ich einziehen?“ Jonas lachte. „Von mir aus jetzt sofort! Wir müssen dich nur unbemerkt ins Haus bekommen.“ „Das ist kein Problem“, sagte Mage und – wurde unsichtbar! „He Mage, du musst uns erst noch zeigen wie wir wieder hinaus kommen!“ rief Vanessa in die Leere.
„Kein Problem“, hörten sie Mages Stimme, „schließt die Augen und zählt bis fünf.“ Die beiden Kinder befolgten die Anweisung. Und kaum waren sie bei fünf angelangt standen sie wieder in dem verwilderten Garten. Erleichtert
schauten sie sich gegenseitig an und gingen heim.
Wieder zu Hause suchte Jonas den Dachbodenschlüssel, sperrte mit ihm die Luke zum Dachboden auf und zog die Leiter herunter. Vanessa holte währenddessen eine Schale und füllte sie mit Milch. Beide kletterten hinauf und gingen ein Stück von der Luke weg. Vanessa stellte die Schale mit Milch ab und Mage erschien davor. Er strahlte übers ganze Gesicht. „Danke, dass ich hier wohnen darf!“ Vanessa und Jonas grinsten. „Kein Problem“, meinte der
Junge. Und seit diesem Tag passierte der Familie nie wieder etwas Schlimmes.

Anmerkung: Ursprünglich hatte ich ein anderes, nicht ganz so harmloses Ende geplant. Allerdings wäre mein anderes Ende mit größter Wahrscheinlichkeit bei den Juroren nicht ganz so gut angekommen. Eventuell werde ich es irgendwann noch schreiben und hier hochladen!


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